Schultzeplus
13. February 2026
Ach, der gute Doktor! Der Meister des harmlosen Schnupfens, der Champion des verstauchten Handgelenks, der Virtuose am Pickel. Wie mutig von ihm, sich alltäglichen Bagatellen zu stellen – und wie er sie besiegt! Doch wehe, es kommt etwas Komplexeres daher, etwas, das über den simplen Reflex „Hustensaft verschreiben“ hinausgeht. Dann wird es still im Sprechzimmer. Nun, da unsere Mutter und Schwiegermutter vor ein paar Monaten ihren letzten Atemzug getan haben, beschäftigt uns eine Frage, die wohl unbeantwortet bleiben wird: Wie schafft man es eigentlich, eine 90-Jährige medikamentenfrei durchs Leben zu bringen? Das Pflegeheim zeigte sich irritiert, fast schon neidisch: Kein einziges Medikament! Welch schwebstofffreie Existenz! Welch triumphale Leistung der Nicht-Behandlung! Aber wir sind ja nur die Angehörigen. Wir haben nur dieses vage Gefühl, dieses unscharfe Empfinden, dass es in der Medizin nicht immer um Pillen und Salben geht, sondern manchmal auch um Zwischentöne. Um dieses ominöse „Händchen“. Darum, dass man sich als Patient oder Angehöriger nicht wie ein lästiges Anhängsel der eigenen Krankenakte fühlt. Vielleicht wäre es schön gewesen, wenn jemand mal Verantwortung übernommen hätte – oder wenigstens so getan hätte. Gemeinsam nach Lösungen suchen? Zugegeben, das erfordert, das Problem erstmal wahrzunehmen. Eine anspruchsvolle Übung. Dennoch, wir gönnen Ihnen den Ruhestand von Herzen. Endlich Zeit, sich den wirklich harten Fällen zu widmen: eingewachsene Fußnägeln, leichte Sommergrippen, der alljährliche Heuschnupfen. Das werden Sie schon machen. Schließlich haben Sie ja Übung.